Der vor uns liegende Holzstab erinnert in seiner Form an einen gewöhnlichen Wanderstab. Durch den oberen geraden Abschluss ließe er sich gut greifen. Dass dieser Stab aber eine wichtige Bedeutung haben muss, zeigt sich in seiner kostbaren Aufmachung: Er ist gänzlich mit einem Silberblech beschlagen. Es ist so dünn, dass schon einige Teile verloren gegangen sind. An dem Stab ist ein Anhänger befestigt, der unter dem Bergkristall eine gestickte Inschrift offenbart: „RELIQUIAE S:BONIFATII“.
Der Stab soll der Legende nach dem Heiligen Bischof Bonifatius gehört haben. Auf seinen Missionsreisen predigte dieser zu den dort lebenden Menschen. Unter ihnen waren die Urgroßeltern Everwords, der später die Stiftskirche in Freckenhorst gründete. Nach der gehörten Predigt wurden sie von Bonifatius getauft und traten dem christlichen Glauben bei. Als besonderes Zeichen seiner Zuneigung und zur Linderung ihrer Krankheiten schenkte Bonifatius Everwords Urgroßmutter seinen Wanderstab. Er gab ihr den Rat diesen einzupflanzen, denn dann werde der Stab ihr nach Bonifatius‘ Tod ein Zeichen senden. Weiter wird berichtet, dass der Stab nach dem Tod des Heiligen Wurzeln schlug, anfing zu blühen und Äpfel zu tragen. Noch zu Entstehungszeiten der Legende, im 15. Jahrhundert, sollen Ableger dieses Stabes im Klostergarten geblüht haben.
Der rund 600 Jahre nach dem Tode Bonifatius' überlieferten Erzählung nach entstand der Bonifatiusstab also zu Lebzeiten des Heiligen Bischofs. Dies kann jedoch nicht durch schriftliche Zeugnisse bestätigt werden: Erst im 12. Jahrhundert, zwar vor der Entstehung der Gründungslegende, aber 300 Jahre nach dem Tod des Heiligen, berichten schriftliche Quellen von einem Stab. 2001 durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen stüzen die schriftlichen Überlieferungen: Der Radiokarbonmethode zufolge datiert der Stab ins späte 11. oder frühe 12. Jahrhundert. Und auch die Bonifatius-Reliquie ist eine spätere Zugabe. Durch schriftliche Aufzeichnungen wissen wir, dass sie erst 1839 am Stab angebracht worden ist. Wahrscheinlich ersetzte sie eine ältere verlorengegangene.
Heute noch ist der Bonifatiusstab vielen Freckenhorstern gut bekannt, denn er wurde viele Jahre lang am 05. Juni, dem Fest zu Ehren des Heiligen, am linken Seitenaltar in der Stiftskirche gezeigt.