Fast 500 Jahre alt ist die nun vor Ihnen liegende Handschrift. Die aufgeschlagene Doppelseite zeigt eindrücklich, wie viel Kunst in solchen alten Handschriften steckt. Da ist zum einen das saubere und sehr akkurate Schriftbild. Darüber befinden sich die einzelnen Noten des Musikstücks, die sich gänzlich von dem Aussehen heutiger Noten unterscheiden. Das liegt daran, dass die quadratischen Notenköpfe leichter mit den Federkielen geschrieben werden konnten als unsere heutigen kreisförmigen.
Zum anderen wurden die Anfangsbuchstaben von Wörtern eines neuen Satzanfangs durch die Verwendung von Farbe und kleinen Malereien nochmals hervorgehoben. Auf der linken Seite können Sie dies am großen „T“ beobachten: In der mittigen Freifläche befinden sich zarte Blumenköpfe, die durch Ranken miteinander verbunden sind. Wenn Sie der oberen Linie des „T“ nach links folgen, sehen Sie ein weiteres Detail, das die kunstvollen Handschriften auszeichnete. Fehlstellen im Pergament wurden nicht verdeckt, sondern in die Malerei mit einbezogen.
Die in der Handschrift enthaltenen Lieder zeigen uns, dass es sich hierbei um ein Graduale handelt. Es enthält die im Gottesdienst gebräuchlichen Messgesänge des Kirchenjahres. Dabei unterscheidet es zwischen den immer gleichbleibenden Texten und den je nach Anlass oder Kirchenjahr wechselnden Textelementen.
Für die Herstellung solch prachtvoller Handschriften waren in unserer Region die Fraterherren aus Münster bekannt. Auch im Graduale finden wir darauf einen Hinweis: In den zarten Girlanden, die Sie seitlich am Rand erkennen können, befindet sich die Inschrift "F. J. Hol. 1530". Die Ausmalungen weisen auf den Frater Johannes Holtmann hin, der den Fraterherren in Münster angehört hat. Den Auftrag für die Handschrift erhielten er und seine Brüder von der Freckenhorster Stiftsdame Oitberga von Langen.