In der Tischvitrine vor Ihnen, relativ unscheinbar, zwischen einer Vielzahl anderer Objekte, sehen Sie einen langen, schwarzen Stab liegen. Während der rund 120 cm lange Schaft aus Holz gefertigt wurde, besteht der helle Knauf aus Horn. Das andere Ende weist eine Spitze aus Metall auf, ähnlich wie bei älteren Gehstöcken.
Was macht diesen unscheinbaren, schmucklosen Stab zu einem so wichtigen Objekt für das Stift Freckenhorst, dass er hier in der Petrikapelle in einer Vitrine liegt? Die Antwort ergibt sich aus den Erzählungen, die sich um diesen Stab ranken. Der mündlichen Überlieferung zufolge stammt er von der Heiligen Geva, die gemeinsam mit ihrem Mann Everword im 9. Jahrhundert das Kloster in Freckenhorst gegründet hat und später als Äbtissin in das Kloster eintrat.
Tatsächlich gibt es jedoch erst rund 800 Jahre später eine schriftliche Nachricht darüber, dass so ein Stab in Freckenhorst vorhanden ist. Die Beschreibung berichtet auch noch von silbernen Verzierungen und Schnitzereien, die am Stab befestigt waren. Sollte es sich bei dem hier liegenden Stab also um das genannte Objekt handeln, hat er diese Verzierungen und Schnitzereien im Laufe der Zeit verloren. Dies könnte vielleicht auch erklären, warum ihm die typische Krümme fehlt, die andere Äbtissinnenstäbe anstelle eines Knaufes besitzen.
Das Vorhandensein eines Äbtissinnenstabes auf älteren Siegeln, zum Beispiel auf dem der Äbtissin Agnes von Limburg-Styrum (1527-1570), könnte wiederum ein Hinweis darauf sein, dass auch in früheren Zeiten so ein Stab vorhanden gewesen ist.